„Deutsch ist halt so die Ausnahme.“

Sprachenvielfalt im Deutschunterricht in der Grundschule fördert die Sprachbewusstheit von Kindern und somit das Verständnis dafür, wie Sprache funktioniert. Foto: Colourbox

Nicht nur deutsche, türkische, russische oder italienische Wortfetzen sind zu hören, wenn man hierzulande über so manchen Schulhof läuft: Mehrsprachigkeit ist längst gelebte Realität an unseren Schulen. Wie selbstverständlich kommen immer mehr Kinder mit den unterschiedlichsten Sprachen in Berührung. Schule und Gesellschaft verändern sich – und das ist kein Zufall: Jedes dritte Kind in Deutschland wird, so hat es das Statistische Bundesamt ermittelt, mittlerweile in eine Familie mit Migrationshintergrund hineingeboren. Waren es 2009 noch 28 Prozent – so lag der Anteil an jungen Menschen mit Migrationshintergrund im Jahr 2017 bei 34 Prozent. Bei allen damit verbunden Herausforderungen für die Schulen: Dass in Mehrsprachigkeit durchaus ein riesiges Potenzial steckt, daran forscht die Professorin Dr. Anja Wildemann. Die Wissenschaftlerin möchte wissen, wie Unterricht von sprachlicher Vielfalt profitieren kann. 

Anja Wildemanns zentraler Forschungsschwerpunkt ist die sprachliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrem Team widmet sie sich dabei der sogenannten Sprachbewusstheit. Das sei, so erklärt es die Professorin für Grundschulpädagogik, „die Fähigkeit, über Sprache nachzudenken“. Also das Verständnis, wie Sprache funktioniert, warum sich Satzstrukturen unterscheiden. Oder auch die Frage, welche Wörter in welchem Zusammenhang benutzt werden. 

Was dem einen oder anderen beispielsweise nicht bewusst sein mag: Die deutsche Sprache etwa hält einige Tücken bereit, an die Muttersprachlerinnen und Muttersprachler möglicherweise keinen Gedanken verlieren – die einem Deutsch-Lernenden aber allergrößte Aufmerksamkeit abverlangt: „Das Brot einkaufen“ wird in einer anderen Satzkonstellation zu „ich kaufe das Brot ein“. Trennbare Verben – in fast allen anderen Sprachen wird man sie nicht finden. Das Deutsche ist hier Ausnahme.

„Deutsch ist halt so die Ausnahme.“ 

Wie es um die Sprachbewusstheit von Schülerinnen und Schülern steht – und wie sich diese fördern lässt, das will Anja Wildemann genauer wissen. Dabei geht sie mit ihrem Team der Frage nach, inwieweit sich ein Zusammenwirken verschiedener Sprachen nutzen lässt. Die Forschenden arbeiten mit einer Computer-Software, die bildlich dargestellte Geschichten erzählt. Geschichten, die in Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch und Türkisch gesprochen und geschrieben sind. Etwa 800 Kinder der Klassenstufen 3 bis 6 wurden an das Material herangeführt  – am Computer haben sie sich die Geschichten angeschaut. „An bestimmten Stellen haben wir ihnen dann Impulsfragen gestellt“, erklärt Wildemann das genauere Vorgehen. Eine solche Frage war, warum Sätze im Deutschen manchmal mehr Wörter als in einer anderen Sprache haben. Dabei musste das Team möglicherweise das ein oder andere Mal schmunzeln. Denn eine Erklärung der Kinder auf die Frage, warum denn im Englischen, Türkischen, Spanischen oder im Russischen die Sätze viel kürzer ausfallen als im Deutschen, lautete: „Deutsch ist halt so die Ausnahme.“ Oder etwa: „Die Kinder in England sprechen nicht gerne.“ Die Schülerinnen und Schüler entwickeln sogenannte Präkonzepte, analysiert Anja Wildemann. Diese seien alltagsorientiert: Sprache, deren Bau, Funktion und Gebrauch, werde auf Basis eigener Erfahrung erklärt. Zugleich zeigt sich: Gedanklich haben sich die Kinder mit der Sprache auseinandergesetzt. 

Mehrsprachiges Umfeld verbessert Sprachbewusstheit

Bei ihren Untersuchungen haben Wildemann und ihr Team deutschsprachige und mehrsprachige Kinder miteinander verglichen. Dabei kam heraus: Mehrsprachige Kinder äußern sich – im Schnitt – metasprachlich auf einem höheren Niveau. Wobei mit Metasprache, vereinfacht gesagt, eine Sprache gemeint ist, die über Sprache spricht oder diese erklärt. So haben Kinder, die mit der deutschen und der türkischen Sprache vertraut sind, etwa artikulieren können, dass im Deutschen für einen Artikel und ein Nomen zwei Wörter verwendet werden, im Türkischen aber der Artikel an das Nomen angehängt wird. Das ist eine Erklärung, weshalb Sätze im Türkischen weniger Wörter als im Deutschen aufweisen. Das Team um Anja Wildemann hat festgestellt: Solche Kompetenzen im Bereich der Sprachanalyse waren bei mehrsprachigen Kindern – im Vergleich zu einsprachigen Kindern – meist besser ausgeprägt. Sehr allgemein ausgedrückt, lässt sich daraus schlussfolgern: Wer sich früh mit anderen Sprachen auseinandersetzt, der gewinnt insgesamt ein besseres Gefühl und Verständnis für Sprache. 

Schon seit einiger Zeit weisen auch andere Forschungsergebnisse darauf hin, dass Kinder, die in einem mehrsprachigen Umfeld aufwachsen, besondere metasprachliche Fähigkeiten entwickeln – und sich diese in einer größeren Sprachbewusstheit äußern. Experten empfehlen in diesem Zusammenhang übrigens, für Kinder – deren Muttersprache nicht Deutsch ist – sei es wichtig, die in ihrem näheren Umfeld gesprochene Sprache beizubehalten. Gleichzeitig sollten sie aber auch hinreichend Möglichkeiten bekommen, die deutsche Sprache zu hören und zu sprechen.

Und ihre Studien haben auch gezeigt, berichtet Anja Wildemann, dass sich die Sprachbewusstheit von einsprachigen Schülern erhöht – also von Kindern, die bislang nur Deutsch konnten -, wenn sie mit anderen Sprachen in Kontakt kommen. Es lohnt sich also, die Sprachen mehrsprachiger Mitschülerinnen und -schüler in den Unterricht einzubeziehen.

Vorteil für das weitere Lesen- und Schreibenlernen 

Anja Wildemanns Fokussierung auf Sprachbewusstheit kommt nicht von ungefähr: Denn die damit einhergehenden Fertigkeiten und Fähigkeiten wirken sich insgesamt positiv aus, wenn es darum geht, Lesen, Schreiben – und auch Sprechen – zu lernen. Tatsächlich gilt die Förderung von Sprachkompetenzen und Sprachbewusstheit als eine der zentralen Aufgaben des Deutschunterrichts in der Grundschule. Sprachvergleiche werden von der Kultusministerkonferenz empfohlen.

Mehrsprachigkeit im Unterricht ist ein Gewinn, erklärt Wildemann, der bereits in der Primarstufe genutzt werden kann: „Kinder in der Grundschule zeigen große Neugierde, sich über Sprache zu unterhalten.“ 

Doch wie ließe sich das im Schul-Alltag realisieren? Andere Sprachen können an den Deutschunterricht angekoppelt werden. Sie ließen sich – in angeleiteten Situationen – zur Reflexion und zur Sprachanalyse einsetzen. Dabei können mehrsprachige Bilderbücher eine Hilfe sein. Auch lassen sich Gegenstände im Klassenraum mehrsprachig beschriften. „Es geht darum, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprachen zu erkennen“, fasst die Professorin zusammen: Lässt man die Kinder beispielsweise Wörter oder Wortbildungen miteinander vergleichen, dann erarbeiten sie sich Einsichten in die Struktur von Sprachen.

Für mehrsprachige Kinder kann das heißen: Wer eine Sprache neu lernt, vergleicht diese immer auch mit bereits vorhandenen Sprachkenntnissen. Vergleiche wiederum erweitern Kenntnisse. Wird die Muttersprache in den Deutschunterricht eingebunden, dann könnte dies auch beim Deutschlernen helfen. Es hilft aber auch den Lehrkräften, besser zu verstehen, warum mehrsprachige Kinder bestimmte Fehler machen. 

Neue Ideen für Lehrkräfte

Gefragt nach der Zukunft weiterer Forschungsvorhaben zeigt sich, dass Anja Wildemann voller Pläne steckt: Sie möchte ein Diagnose-Instrument entwickeln, das Sprachkompetenzen in Kombination mit Sprachbewusstheit von Schülerinnen und Schülern überprüft. Einen weiteren Fokus ihrer Arbeit sieht sie im Bereich der Lehrer-Fortbildungen. Dabei gehe es darum, Lehrkräften Ideen zu liefern, wie sie Sprachkompetenzen und Sprachbewusstheit ihrer Schülerinnen und Schüler „nutzen und fördern können“ –  Unterrichtsvorschläge also, was sich etwa mithilfe von Mehrsprachigkeit alles machen lässt. Um auf die Bedürfnisse der Lehrenden einzugehen, wurden – im Rahmen von Fortbildungen – Inhalte gemeinsam mit ihnen erarbeitet. Ein Erfolgsrezept, wie Wildemann analysiert hat. Lehrerinnen und Lehrer, die an solchen Fortbildungen teilgenommen haben, wenden das neu erworbene Wissen erfolgreich an: „Der Unterricht war qualitativ anders. Die Lehrkräfte hatten mehr Wissen und mehr Materialien und haben das Gelernte auch in ihren Unterricht übertragen.“ Auch den Übergang von Grundschulen zu weiterführenden Schulen möchte sich Anja Wildemann im Rahmen ihrer Forschung demnächst etwas genauer anschauen. Was man hier besser machen könnte, auch das will sie in Lehrerfortbildungen implementieren. 

Rund um das Thema Mehrsprachigkeit wirft sie dann noch einen Satz ein, der ihre Arbeit dahingehend sehr prägnant auf den Punkt bringt: „Je früher man mit anderen Sprachen in Kontakt kommt, umso besser.“ Vielleicht sollte man Mehrsprachigkeit in Schulen vor allem also als Chance sehen – und weniger als Herausforderung. Richtig genutzt kann Vielfalt ein Gewinn sein – für jeden.

Anja Wildemann ist seit 2011 Universitäts- professorin für Grundschulpädagogik am Campus Landau. Zuvor war sie Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin und Juniorprofessorin an der Universität Vechta. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Mehrsprachigkeit, Sprachbewusstheit, Sprachdiagnose, Bildungssprache, Sprachbildung und sprachsensibler Unterricht. Ihre Projekte „Sprachkompetenz und Sprachbewusstheit“ (2013 bis 2016) sowie „MehrSprachen im Deutschunterricht“ (2016 bis 2019) wurden im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Studien & Veröffentlichungen (eine Auswahl)

Wildemann, A., Krzyzek, S. Andronie, M. &  Bien-Miller, L.(2020). Explizite Sprachenthematisierung im Deutschunterricht der Primarstufe – zum sprachreflexiven mehrsprachigen Handeln von Lehrkräften mit und ohne Fortbildung:  In: Peyer, A. & Uhl, J. (Hrsg.): Sprachreflexion – Handlungsfelder und Erwerbskontexte. Frankfurt a. M.: Peter Lang, 109-136.

Wildemann, A., Bien-Miller, L. & Akbulut, M.: Mehrsprachigkeit und Sprachbewusstheit – empirische Befunde und Unterrichtskonzepte (2020). In: Gogolin, I., Hansen, A., McMonagle, S. & Rauch. D. (Hrsg.): Handbuch Mehrsprachigkeit und Bildung, Springer VS, 119-123.

Wildemann, A., Akbulut, M., Bien-Miller, L. (2018). Mehrsprachige Sprachbewusstheit und deren Potenzial für den Grundschulunterricht. In: Mehlhorn, G. & Brehmer B. (Hrsg.): Potenziale von Herkunftssprachen: Sprachliche und außersprachliche Einflussfaktoren. Stauffenburg: Tübingen, 117-140.

Weitere wissenschaftliche Studien

Anja Wildemann in den Medien

Statement im SWR-Fernsehen einem aktuellen Thema: „Corona verstärkt bestehende Leistungsunterschiede

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