Wenn zu viel Perfektion im Leben schadet

Ausgebrannt und erschöpft in Studium oder Beruf? Dysfunktionaler Perfektionismus könnte die Ursache sein. Betroffene sollten versuchen, sich selbst gegenüber toleranter zu werden. Foto: Colourbox

Psychische Probleme haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Vor allem in der Arbeitswelt ist der Begriff „Burn-out“ immer häufiger zu hören. Die Bezeichnung kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „ausbrennen“. Gemeint ist damit ein Zustand der totalen körperlichen und geistigen Erschöpfung. Ein Phänomen, das sich auch bei Krankmeldungen widerspiegelt: Die AOK zählte 2019 durchschnittlich 129,8 Arbeitsunfähigkeitstage je 1.000 Mitglieder, die mit einem Burn-out in Verbindung gebracht werden können. Damit habe sich das burn-out-bedingte Arbeitsunfähigkeitsvolumen im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt, ist vonseiten der Krankenkasse zu hören. 

Die Ursachen für ein Burn-out sind vielfältig. Sie können beispielsweise von außen auf uns einprasseln: Wer kennt es nicht, wenn zu viele Leute viel zu viel von einem wollen. Dann aber gibt es noch eine weitere Ursache, eine, die von innen – sozusagen aus uns selbst – kommen kann: Es ist das ständige Streben nach Perfektion im Leben. Denn nicht selten sei Burn-out eine Folge von zu viel Perfektionismus, erklärt die Psychologin Dr. Christine Altstötter-Gleich. Die Wissenschaftlerin forscht zum Thema. Sie beschäftigt sich nicht nur mit der Frage, was die Folgen von zu viel Perfektion im Leben sein können. Sie will auch wissen, was man tun kann, damit das Streben nach Perfektion nicht die Oberhand gewinnt. 

In Befragungen wird zunächst das Selbstbildnis erörtert

Christine Altstötter-Gleich nähert sich dem Thema experimentell und auch über Befragungen: „Mithilfe von Fragebögen wollen wir beispielsweise herausfinden, wie zufrieden die Leute mit ihrem Leben sind. Oder wie wichtig es ihnen ist, in allem, was sie tun, perfekt zu sein.“ Eine Erkenntnis: Bei einigen Befragten zeigte sich, dass ihnen Streben nach Leistung weniger wichtig ist. Andere Probanden wiederum weisen perfektionistische Tendenzen auf.

Perfektionismus gehört zu einer Leistungsgesellschaft

Die Wissenschaftlerin differenziert die Ergebnisse weiter: „Von den Personen, die zum Perfektionismus neigen, sind einige funktionale Perfektionisten.“ Damit sei eine Art gesunder Perfektionismus gemeint. „Diese Menschen streben nach Perfektion. Sie wollen gute Leistungen erbringen.“ Gleichzeitig sei es für sie aber auch keine Katastrophe, wenn mal etwas nicht klappt. Sie wissen, dass Fehler zum Leben dazugehören. Und: Funktionale Perfektionisten können einen Erfolg genießen. Sie grübeln nicht fortwährend, wie sich die nächste Hürde im Leben meistern lässt.

Überhaupt sei das Streben nach Perfektion an sich nichts Schlechtes, meint Christine Altstötter-Gleich. Ganz im Gegenteil: Gesunder Perfektionismus bringt uns im Leben weiter. Er hilft beispielsweise, einen besseren Job zu finden – oder ein Studium erfolgreich abzuschließen. In einer Leistungsgesellschaft erwarte man Perfektionismus: „Wir möchten von Ärzten behandelt werden, die nach Perfektion streben. Unser Auto soll von jemandem repariert werden, der dabei sein Bestes gibt.“ 

Burn-out und Depressionen: Perfektionismus kann schuld sein

Doch dann gebe es eben auch eine Art von Perfektionismus, der die Betroffenen krank werden lassen könne, berichtet Altstötter-Gleich, dysfunktionalen Perfektionismus nennt sie es. Und genau diese Menschen sind so etwas wie die Sorgenkinder der Psychologin. „Sie haben hohe Anforderungen an sich selbst. Und sie haben Angst, Fehler zu machen.“ Gleichzeitig fürchten diese Menschen, Anforderungen anderer nicht erfüllen zu können. Dadurch schleicht sich bei ihnen schnell das Gefühl ein, ihre Mitmenschen akzeptierten sie nicht. Für die Betroffenen gebe es nur Schwarz und Weiß, erklärt Christine Altstötter-Gleich: Eine gute Leistung abliefern – oder Versagen, nichts dazwischen. Über ihrem Kopf schwebt fortwährend das Damokles-Schwert: „Wenn ich in einer Situation versage, dann versage ich überall.“ 

Mit welcher Anspannung diese Menschen durchs Leben gehen, zeigt sich auch im Rahmen von Altstötter-Gleichs experimentellen Untersuchungen. „Hierbei setzen wir Probanden gezielt unter Stress.“ Sie müssen beispielsweise vor einer Menschenmenge stehen – und einen Vortrag über ihre Stärken und Schwächen halten. Das Publikum verzieht währenddessen keine Miene. „Das verunsichert stark“. Dabei hat Altstötter-Gleich beobachtet: Dem dysfunktionalen Perfektionisten gehe es in einer solchen Situation noch schlechter als anderen. Das Stress-Hormon Cortisol werde verstärkt ausgeschüttet, wie die Forschenden anhand von Speichelproben festgestellt haben.

Genau dieser selbst verursachte Druck sei es, der auf Dauer krank mache, erklärt die Psychologin. Die Folgen können Depressionen sein – oder eben auch ein Burn-out. Richte sich das Streben nach Perfektion auf den eigenen Körper, dann können daraus Essstörungen oder sexuelle Funktionsstörungen folgen. Auf Dauer ist es eben nicht leistbar, immer Perfektion erbringen zu wollen. 

Kern des Problems kann im Elternhaus liegen

Doch woher kommt der Antrieb, immer perfekt sein zu wollen. Es gebe einen Erklärungsansatz, so Christine Altstötter-Gleich, dass dysfunktionaler Perfektionismus im Elternhaus begründet sei. Bereits die Eltern waren perfektionistisch und haben ihre Kinder dementsprechend sehr leistungsorientiert erzogen: „Das kann sich in einem kalten, strafenden Erziehungsstil äußern.“ Die Eltern geben ihren Kindern sozusagen auf den Lebensweg mit, dass Fehler nicht passieren dürfen. Und: Wertschätzung vonseiten der Eltern gab es in diesen Häusern nur, wenn auch eine Leistung abgeliefert wurde. Eine Denkweise, die die Kinder mit ins Erwachsenenleben genommen haben. 

Dann gebe es auch den Erklärungsansatz, so führt es Altstötter-Gleich weiter aus, dass dysfunktionale Perfektionisten aus einem Elternhaus kommen, in dem Chaos und vielleicht sogar Missbrauch an der Tagesordnung waren. In diesem Fall sei Perfektionismus eine Art Schutz, erklärt die Psychologin. Die Gedanken im Kopf des Betroffenen: Wenn ich alles perfekt mache, dann falle ich nicht auf. Dann gibt es keinen Grund, mich zu bestrafen, mit mir zu schimpfen oder mich zu verletzen. Eine Lebenseinstellung, die bleibt, auch wenn man längst das Elternhaus verlassen hat. 

Dysfunktionaler Perfektionismus: Das können Betroffene tun

Doch wie kann man sich vor dysfunktionalem Perfektionismus schützen? Generell empfiehlt Altstötter-Gleich jedem, nicht zu überkritisch mit sich selbst zu sein. „Man sollte sich selbst gegenüber toleranter sein. Und Fehler nutzen, um daraus zu lernen. Es ist nicht immer alles schwarz-weiß. Man muss grau denken.“ In der Konsequenz ließe sich so auch Problemen wie einem Burn-out vorbeugen.

Wichtig sei auch: Man braucht Erholung im Leben, um neue Energie zu tanken. Yoga oder Meditation können hilfreich sein. Sport insgesamt sei gut, führt Altstötter-Gleich weiter aus. Aber nur, wenn auch das nicht wieder in Stress ausarte. Etwa, weil man bei sportlichen Wettkämpfen perfekt sein will. 

Für dysfunktionale Perfektionisten gilt außerdem: Sie können sich behandeln lassen. Geeignet sei laut Altstötter-Gleich eine kognitive Verhaltenstherapie. „Die Betroffenen trainieren Stressbewältigungsstrategien. Sie lernen, besser mit Kritik und Scheitern umzugehen.“ Wer glaubt, von dysfunktionalem Perfektionismus betroffen zu sein, der kann ein erstes Gespräch mit dem Hausarzt suchen, um zu erörtern, welche möglichen Therapieschritte eingeleitet werden könnten.

Für das Umfeld eines dysfunktionalen Perfektionisten hat Altstötter-Gleich einen Tipp bereit: Dem Betroffenen solle man Sicherheit geben. Man könne ihm immer wieder direkt sagen, worin er gut ist. „Das Geheimnis ist Wertschätzung geben und die Erkenntnis, dass man versagen darf“, fasst die Psychologin zusammen. 

Angebote für Studierende schaffen

Gefragt nach der Zukunft ihrer Forschungsvorhaben erzählt Altstötter-Gleich, dass sie sich dem Bereich der nonverbalen Kommunikation verstärkt widmen möchte. Sie will noch intensiver der Frage nachgehen, welchen Einfluss neutrale Gesichter auf einen perfektionistisch veranlagten Menschen haben. „Hier möchten wir mit Kollegen aus der Biopsychologie zusammenarbeiten.“

Auch plant sie ein Projekt mit Bachelor-Studierenden am Campus Landau. „Bei Studierenden stellt sich die Frage, ob sie am Druck, im Studium besonders gut sein zu wollen, scheitern.“ Es geht um die psychologische Gesundheit von Studierenden. „Aufgrund der Ergebnisse könnten wir zum Beispiel mit dem Studierendenwerk ein Angebot erstellen“. Konkrete Vorschläge sollen erarbeitet werden, die den jungen Menschen dabei helfen, mit Stress im Studium besser zurechtzukommen. „Es geht auch darum zu lernen, mit Rückschlägen umzugehen.“

Der Umgang mit Misserfolg entscheidet, ob Perfektionismus krank mache oder nicht, sagt Christine Altstötter-Gleich zum Abschluss. Eine Erkenntnis, die auch in der Arbeitswelt immer mehr anzukommen scheint: Zur Minimierung des Burn-out-Risikos von Mitarbeitern wird Führungskräften mancherorts inzwischen eine sogenannte „reflektierte Fehlerkultur“ empfohlen. Der Gedanke dahinter: Fehler passieren so oder so – arbeitet man sie nicht auf, dann besteht auf Dauer die Gefahr, dass Mitarbeitende krank werden. Nutzt man Fehler indes als Ansatzpunkt, – um daraus zu lernen, dann kann aus ihnen etwas Positives werden. Vielleicht findet in der Gesellschaft also langsam ein Umdenken statt. Ein Umdenken, das nicht nur dysfunktionalen Perfektionisten das Leben erleichtern wird.

Christine Altstötter-Gleich arbeitet im Bereich „Diagnostik, Differentielle und Persönlichkeits- psychologie, Methoden und Evaluation“ am Institut für Psychologie am Campus Landau. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit Perfektionismus und seinen Folgen. Sie ist Mitautorin des Buchs »Perfektionismus. Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben«.

Ratgeber-Buchtipp:

Altstötter-Gleich, Christine und Geisler, Fay: Perfektionismus: Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben (BALANCE Ratgeber) Taschenbuch 

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