Das Vertrauen in Politik erforschen

Manche Menschen misstrauen Politikern. Beispielsweise auch wenn es um Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geht. Foto: Colourbox

Es war der erste Donnerstag im Dezember 2021. Eine der ganz Großen nimmt ihren Abschied: Angela Merkel hält – kurz vor dem Großen Zapfenstreich ihr zu Ehren – eine bewegende Rede. Darin sagt sie unter anderem: „Ganz besonders die vergangenen zwei Jahre der Pandemie haben wie in einem Brennglas gezeigt, von welch großer Bedeutung das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und den gesellschaftlichen Diskurs ist, aber auch, wie fragil das sein kann.“

Vielleicht musste die Kanzlerin in diesem Moment an Demonstranten denken, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. An Menschen, die die Sinnhaftigkeit von Impfen, Maske-Tragen und Abstand halten infrage stellen. An Menschen, die das Vertrauen in Politik verloren zu haben scheinen.

Doch wie kann es dazu kommen? Warum haben in einem demokratischen Land einige Menschen kein Vertrauen in Politik? Erklärungen gibt es: „Grundsätzlich neigen einige dazu, weniger zu vertrauen. Und es gibt Menschen, die allem, was vom Staat kommt, misstrauen“, sagt Juniorprofessor Dr. Christian von Sikorski. Der Wissenschaftler beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie Vertrauen in Politik entsteht – und wie es verloren gehen kann. So spielen laut von Sikorski insbesondere Enttäuschungen eine Rolle, wenn eben jenes Vertrauen schwindet: „Es ist das Gefühl, nicht gehört zu werden. Abgehängt zu sein. Oder auch der Glaube, früher war alles besser.“ Menschen mit einer solchen Einstellung habe übrigens auch Donald Trump während seines Präsidentschaftswahlkampfs 2016 erfolgreich ansprechen können: Als Milliardär habe er sich als Sprachrohr der Enttäuschten, als Anwalt der kleinen Leute verkaufen können. Kommunikativ sei das schon bemerkenswert gewesen, meint von Sikorski.

„Die anderen sind ja auch nicht viel besser“

Christian von Sikorskis Fachgebiet ist die Politische Psychologie. Seine Professur stellt eine Kombination aus Psychologie, Politik- und Kommunikationswissenschaft dar. Im Rahmen seiner Forschung analysiert er beispielsweise politische Skandale – und versucht herausfinden, welchen Einfluss diese auf die Reputation eines Politikers und seine Partei haben können. Gleichzeitig möchte er wissen, ob dabei das Vertrauen in Politik insgesamt leidet. 

Wie es um das politische Vertrauen in der Bevölkerung steht, versuchen er und sein Team anhand von Probanden-Befragungen zu analysieren. So wird etwa eine identische Probanden-Gruppe immer wieder zu einem bestimmten Thema befragt: „Wir wollen so herausfinden, ob es Trends bei einzelnen Teilnehmern über die Zeit hinweg gibt.“

Dabei wird das ein oder andere Mal auch über nationale Grenzen hinweg geschaut: Ganz konkret haben sich die Forschenden beispielsweise den Wahlkampf zur Nationalratswahl in Österreich 2017 angeschaut. Der damalige Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) trifft auf den Herausforderer Sebastian Kurz (ÖVP). Die Probanden wurden ein erstes Mal nach ihren Wunschkandidaten und Wahlabsichten befragt. Doch dann kam es, ohne dass von Sikorski und sein Team das vorher hätten wissen können, zu der sogenannten Silberstein-Affäre: Der von der SPÖ engagierte Politikberater Tal Silberstein hatte eine Schmutzkampagne ins Rollen gebracht, – die sich vor allem gegen Sebastian Kurz richtete. Die mediale Berichterstattung darüber überschattete den Wahlkampf. Sachthemen wurden plötzlich nebensächlich.

Während der Skandal am Brodeln war, haben von Sikorski und sein Team dieselben Probanden erneut befragt. Wissen wollten sie unter anderem, ob der Skandal die Einstellung zum Wunschkandidaten beeinflusst. „Und auch, ob das alles einen Einfluss auf die Wahlabsicht hat.“ Bei den Anhängern von Christian Kern habe sich zunächst gezeigt, dass sie ihren Kandidaten weiterhin unterstützen und verteidigen. Ein Vertrauensverlust war nicht zu beobachten. Christian von Sikorski: „Vielmehr war es so, dass sich ein Verlust an Vertrauen auf andere Politiker übertrug, wenn sich Personen gut mit dem Fall auskannten.“ Etwa nach dem Motto: Die anderen sind ja auch nicht viel besser.

Allerdings, so hat es von Sikorski im Rahmen seiner Untersuchungen auch beobachtet, verteidigen Anhänger ihren Kandidaten nicht ins Unendliche. Nimmt der Skandal zu große Ausmaße an, dann wenden sie sich doch irgendwann von ihrem Wunschkandidaten ab. Bei der Wahl überholte die ÖVP schließlich die SPÖ mit deutlichem Abstand und wurde stärkste Partei. Das Vertrauen in den Politiker Christian Kern hatte den Wahlkampf nicht überstanden, auch das Vertrauen zu Politikern insgesamt litt.

„Nur Menschen, die Vertrauen in Politik haben, glauben auch daran, dass sie selbst etwas bewirken können.“ 

Vertrauen in Politik und Politiker ist ein kostbares Gut – ein Stützpfeiler der Zivilgesellschaft. Auch das hat von Sikorski im Rahmen einer aktuellen Studie herausgefunden: „Nur Menschen, die Vertrauen in Politik haben, glauben auch daran, dass sie selbst etwas bewirken können.“ Das zeige sich beispielsweise beim Klima-Thema: Personen, die sich über Medien mit Greta Thunberg und der Fridays for Future-Bewegung auseinandersetzen, glauben daran, dass sie gemeinsam mit Freunden und Gleichgesinnten etwas bewirken können. Das setze jedoch voraus, so von Sikorski, dass sie in Politik vertrauen – und der Meinung sind, mit ihrem Einsatz auch tatsächlich ein Umdenken bei politischen Entscheidern erreichen zu können.

Was Vertrauen in Politik stärken kann: Journalisten sind gefragt

Welche Erkenntnisse zieht er insgesamt aus seinen Studien? Wie ließe sich Vertrauen stärken? „Geht es darum, Vertrauen in Politik aufzubauen oder zu erhalten, können Journalisten einen wichtigen Beitrag leisten“, meint Christian von Sikorski. Denn Medienvertreter spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um die Vermittlung von politischen Informationen gehe. Würde man etwa bei der Bebilderung sensibler vorgehen, dann könne man aus so mancher Diskussion die Schärfe nehmen. Auch hier verweist er auf ein Beispiel aus der turbulenten Corona-Zeit: „Bei einem Bericht über die Maskenaffäre muss man kein Bild vom gesamten CDU-Plenum zeigen.“ Nur einige bestimmte Politiker sollen sich durch Geschäfte mit Corona-Masken bereichert haben. Zeige man jedoch ein Bild des ganzen Plenums, so könne der Eindruck entstehen, alle seien korrupt. Und genau das könne das Vertrauen in Politik an sich beschädigen. Das Visuelle spiele laut von Sikorski eine sehr wichtige Rolle: „Bilder werden fälschlicher Weise oftmals als Beleg, als Beweis verstanden.“

Ein weiteres Beispiel, das zeigt, dass Journalisten ihr eigenes Handeln sensibel überprüfen sollten, sei der Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gewesen. Christian von Sikorski: „Er wurde gejagt, hat es politisch nicht überlebt. Juristisch blieb letztendlich aber nichts übrig.“ Der Journalist Giovanni di Lorenzo habe damals im Nachgang selbstkritisch gesagt, dass ihre eigene Berichterstattung über Christian Wulff im Rückblick viele Journalisten selbst erschreckt habe. „Ist die mediale Lawine einmal losgetreten, kann sich ein Politiker praktisch kaum noch richtig verhalten.“

Seien es Quote oder Verkaufszahlen, die vielen Medienmachern im Nacken sitzen, – so manche übertreiben es hin und wieder – und das wiederum berge die Gefahr eines Vertrauensverlustes in Politik. Dabei kämen weniger Skandalisierung und mehr Sensibilität bei Publikum und Leserschaft durchaus gut an: „Die Menschen haben ein Gespür dafür, wenn etwas zu stark übertrieben oder aufgeblasen wird“, ergänzt Christian von Sikorski. Im Rahmen einer Untersuchung habe er zwei fiktive Fälle miteinander verglichen: In einem Fall hat ein Politiker Reisekosten falsch abgerechnet. Dem Steuerzahler ist dadurch ein Schaden von 2.900 Euro entstanden. Im zweiten Fall ist durch eine Falsch-Abrechnung ein Schaden von 290.000 Euro entstanden. Im ersten Fall sagen Befragte, es sei übertrieben, der Fall würde von Medien stark aufgeblasen. Anders bei dem hohen Betrag: Hier sei es laut den Befragten gerechtfertigt, wenn Medien kritisch darüber berichten.

Polarisierung im gesellschaftlichen Diskurs nimmt zu

Man merkt, die Themen gehen dem Kommunikationsexperten Christian von Sikorski nicht aus. Ein großes Forschungsthema in Zukunft werden polarisierte Diskussionen in der Gesellschaft sein – und damit auch eine Polarisierung der Gesellschaft an sich. „Dieses Phänomen ist in den USA schon sehr stark verbreitet. Wird aber auch bei uns immer mehr Thema sein.“ Eine solche Polarisierung zeichne sich in den USA beispielsweise anhand der Frage ab, ob man in Corona-Zeiten eine Maske trägt oder nicht: „Wer dort eine Maske trägt, zählt sich sehr wahrscheinlich zum Lager der Demokraten und ihrer Anhänger. Wer keine trägt, zeigt damit, dass er den Republikanern nahesteht.“ Anhänger der beiden großen US-amerikanischen Parteien stehen sich gegenüber – das Verständnis füreinander lässt zu wünschen übrig. „Ich möchte mich in Zukunft mit dem Thema Intoleranz gegenüber Andersdenkenden beschäftigen. Nehmen Sie hierzulande das Thema Impfen. Impfgegner werden radikaler. Aber auch andersherum: Das Verständnis der Impfbefürworter für die Gegner nimmt immer weiter ab. Der Umgangston wird insgesamt immer rauer.“ Wie es zu einer solchen Polarisierung kommen kann – und was das mit der Gesellschaft macht, welche Strategien genutzt werden können, um Polarisierung zu reduzieren, sei Gegenstand anstehender Untersuchungen. Von Sikorski ergänzt: Sicherlich spiele das veränderte Medien-Nutzungsverhalten eine Rolle. Zum einen können sich bestimmte Gruppen heutzutage über soziale Medien besser finden und austauschen – anders als noch in früheren Jahrzehnten. Zudem könne man sich in der breiten Medien-Landschaft inzwischen viel mehr aussuchen, welche Medien man letztendlich nutzen möchte. „Aber auch die klassischen Medien haben mittlerweile die Tendenz, den Ton zu verschärfen.“

Werden Debatten immer rauer geführt? Nimmt unsere Toleranz gegenüber Andersdenkenden ab? Und was macht all das möglicherweise mit der Gesellschaft, mit unserem Vertrauen in Institutionen, in die Politik? Angela Merkel gab in ihrer Abschiedsrede auch mit auf den Weg: „Unsere Demokratie lebt von der Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung und zur Selbstkorrektur. Sie lebt vom steten Ausgleich der Interessen und von dem Respekt voreinander. Sie lebt von Solidarität und Vertrauen.“

Christian von Sikorski promovierte in einem Graduiertenkolleg im Fach Kommuni- kationswissenschaft zu Medienwirkungen. Nach Forschungs- aufenthalten in den USA (New York University) und an der Chinese University in Hongkong forschte er mehrere Jahre lang an der Universität Wien. Er ist Junior-Professor für politische Psychologie am Campus Landau. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Kommunikation und Medienwirkungen. 

Studien (eine Auswahl)

von Sikorski, C., Heiss, R., & Matthes, J. (2020). How political scandals affect the electorate. Tracing the eroding and spillover effects of scandals with a panel study. Political Psychology, 41, 549-568. https://doi.org/10.1111/pops.12638

von Sikorski, C., & Herbst, C. (2020). Not practicing what they preached! Exploring negative spillover effects of news about ex-politicians’ hypocrisy on party attitudes, voting intentions, and political trust. Media Psychology, 23, 436-460. https://doi.org/10.1080/15213269.2019.1604237

Kubin, E., & von Sikorski, C. (2021). The role of (social) media in political polarization: A systematic review. Annals of the International Communication Association, 45, 188-206. https://doi.org/10.1080/23808985.2021.1976070

Weitere Veröffentlichungen auf researchgate.net

Christian von Sikorski in den Medien (eine Auswahl)

Interview zum Bundeswahlkampf 2021, Zeit online, 29. Juni 2021: „Manchmal ist es besser, gar nichts zu sagen

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